Sonntag, 12. Juli 2009

1989

„Engelchen, kann ich zu dir kommen?“
„Klar kannst du, das weißt du doch. Immer wenn du magst.“
Reinhard brauchte keine halbe Stunde.
Wir haben 3 Jahre der Schulzeit miteinander verbracht, dann haben wir uns kurz aus den Augen verloren bevor er ein halbes Jahr zuvor zu seinem Vater nach Hildesheim zog, um in seinem Betrieb eine Ausbildung anzufangen.
Die letzten Jahre der Schulzeit hat er sich durchgemogelt, war aufsässisch, musste nie lernen, war klug, aber faul und rebellisch. Er konnte es seinem Dad niemals recht machen. Er kam vom Gymnasium in unsere Klasse und war der Beau.
Von Anfang an verstanden wir uns gut.
Nach der Schule verbrachten wir viel Zeit miteinander, dann zog er weg.

Jetzt stand er vor der Tür. Dünn wie eine Bohnenstange, gelb im Gesicht, eingefallene Wangen, die braunen Augen eingefallen und die Nägel schwarz.

„Ich möchte mich verabschieden.“ sagte er und nahm mich in den Arm.
„Wieso verabschieden? Du bist doch grad erst gekommen.“
Wir setzten uns in mein kleines Wohnzimmer und er gab mir ein paar Briefe, die ich in ein paar Wochen zur Post geben sollte.
Nach 2 Stunden ging er. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Das Heroin und seine Verzweiflung haben ihn aus dem Leben gerissen. Er war Anfang 20 alt und wollte nicht an der Chemotherapie sterben, die ihm die letzte Kraft nahm. Die Leukämie war nicht heilbar, denn als die Diagnose feststand, teilte sein Vater ihm mit, dass keiner aus der Familie im etwas spenden könne. Er wäre adoptiert worden, als er ein Baby war...